Stimme

“Alles Unmögliche auf dem Fahrrad, das man am besten nicht nachmachen soll”

Berlin, 19. August 2021. Lukas Kohl ist leidenschaftlicher Kunstradfahrer – und Vollzeit berufstätig. Im Gespräch mit uns berichtet er, was er sich für die nicht-olympischen Sportarten in Zukunft wünscht.

Wer bist du? 
Mein Name ist Lukas Kohl und ich bin der amtierende Weltmeister im Kunstradsport. Ich komme aus zur schönen Fränkischen Schweiz und Ebermannstadt-Kirchehrenbach ist meine Heimat. Kunstrad ist mein Leben und mein Leben ist Kunstrad. Seit etlichen Jahren bin ich mit vollem Einsatz und voller Leidenschaft unterwegs. Meine größten Erfolge sind die Gewinne der Weltmeisterschaften 2016, 2017, 2018 und 2019. Ich bin sogar seit 2019 Weltrekordhalter. Leider wurde 2020 meine Wettkampfsaison abgesagt und ich hatte somit keine Möglichkeit mich zu präsentieren. Neben meinem Kunstrad-Leben bin ich seit Mitte Januar Vollzeit in der Berufswelt angekommen. Dementsprechend habe ich mit Kunstradsport und meinem Beruf ziemlich häufig richtig stressige Tage. 

Wie  bist du zum Kunstrad gekommen? 
Der Hallenradsport besteht aus Kunstrad und Radball. Das heißt diese beiden Sportarten gehören zusammen und viele Vereine haben sowohl eine Kunstrad als auch eine Radballabteilung. Ich bin auf Radball aufmerksam geworden, habe mir es einmal angeschaut und wollte dies auch machen. Die Empfehlung der Radball-Trainer war, dass ich ein halbes Jahr Kunstrad trainieren solle, weil ich dadurch die Rad- und Körperbeherrschung schneller erlernen würde als bei einem direkten Start mit Radball. Diesen Tipp habe ich befolgt und habe mit dem Kunstradsport begonnen, nach einem halben Jahr gab es keinen Wechsel zurück zum Radball und so bin ich 2005 nach wie vor von diesem geilen Sport fasziniert. Kurz zur Erklärung: Radball ist Fußball auf dem Fahrrad, zwei gegen zwei. Der Ball wird mit dem Vorderrad geschossen, indem der Lenker im richtigen Moment blitzartig gedreht wird. Das ist richtig spannend sowie actionreich. Praktisch das coole Fußball.  

Was fasziniert dich am Kunstrad?  
Kunstrad ist eine so vielfältige und vielseitige Sportart, es umfasst so viele Kategorien. Am Ende versuchen wir eine artistische, akrobatische, dynamische, elegante und powervolle Darbietung zu performen. Mein Ziel ist in meiner Kür keine Schwierigkeit zu zeigen, sondern jeden Trick so gekonnt ausschauen zu lassen, dass der Laie denkt, „WOW“. Jeder Trick ist verschieden, hat eine komplett unterschiedliche Technik. Entscheidend bei uns ist die Kraft-Ausdauer, da unsere Kür aus fünf Minuten Höchstleistung besteht. Ich zaubere eine Kür aufs Parkett, mit Tricks, die man sich nicht vorstellen kann, dass diese möglich sind. Kurz gesagt: Alles Unmögliche auf dem Fahrrad, das man am besten nicht nachmachen soll.   Und im Vergleich zum BMX-Flatland ist mein Ziel alles spielerisch leicht aussehen zu lassen, als ob gar keine Schwierigkeit dahinter ist. Das ist der Unterschied zum Kunstradsport und das macht den Kunstradsport aus. 
Turnen ist Höchstleistung an einem festen Reck. Eiskunstlauf ist eine artistische Darbietung auf dem rutschigen Eis. Voltigieren ist Turnen auf dem Pferd. Das Pferd wackelt zwar, hat jedoch vier Beine und fällt nicht um. Kunstrad ist die Kombination von allem auf dem Fahrrad. Und das Fahrrad fährt nicht allein im Kreis, es besteht ständig die Gefahr des Umfallens. Das heißt: Im Vergleich zu den anderen Sportarten ist noch eine weitere Komponente mit dabei: Radgefühl & Radbeherrschung. Deswegen ist Kunstrad für mich die tollste Sportart. 

Was sind die sportlichen Highlights im Kunstradsport? 
Wir sind nicht-olympisch. Deswegen dürfen wir leider nicht  an den Olympischen Spielen teilnehmen. Die jährlich stattfindende Weltmeisterschaft ist unser Highlight und der Traum eines jeden Kunstradsportlers. Das ist das Höchste, was wir hier im Kunstradsport erreichen können. Teilnehmen dürfen immer nur zwei Sportler pro Nation, egal, wie hoch das Niveau im jeweiligen Land ist. Neben der Weltmeisterschaft wurde 2018 erstmalig eine Weltcup Serie eingeführt.  
Nebenbei ist für mich ein weiteres Highlight die Partnerschaft mit anderen Sportlern. Ich gebe mein Wissen und mein Knowhow gerne in Form von Tipps und Tricks weiter. Beispielsweise habe ich mit Macau, dem Stadtstaat aus China, eine Trainingspartnerschaft, wo ich mich mit der Nationaltrainerin austausche und ihnen in Form von Videos viele Tipps und Tricks weitergebe. In Macau gibt es den Kunstradsport noch nicht so lange, er entwickelt sich erst so richtig. Mir macht das ganze viel Spaß, denn die Sportler aus Macau lernen sehr schnell und ich finde es richtig toll, diesen Fortschritt zu sehen und zu unterstützen.  

Welche Auswirkungen hat es, dass Kunstrad nicht-olympisch ist?  
Die offensichtlichste Auswirkung: Wir dürfen nicht alle vier Jahre bei Olympia teilnehmen. Das ist richtig schade. Aber es gibt noch weitere Nachteile. Der größte Nachteil ist: Uns fehlt die Medienpräsenz. Die olympischen Sportarten schaffen es alle vier Jahre zu den Olympischen Spielen und auch eine gewisse Zeit danach, Medienpräsenz zu erlangen. Da haben wir ohne einer solchen Veranstaltung keine Chance. Als Randsportart sind wir in den Medienlisten ganz hinten. Als nicht-olympische Sportart haben wir auch leider nicht die Chance, auf Plätze in der Sportfördergruppe der Bundeswehr. Es gab in den letzten Jahren immer einen Platz für den gesamten Hallenradsport. Das heißt für Kunstrad und Radball zusammen einen Platz. Der soll jetzt auch noch weiter reduziert werden, sodass wir eigentlich gar keinen Zugriff auf diese Fördermöglichkeit haben. 
Die Sporthilfe unterstützt hauptsächlich olympische Sportler und wir als nicht-olympische Sportler sind da ein bisschen außen vor. In der Basisförderung sind wenige auserwählte von uns mit dabei, allerdings auch nur diejenigen, die erfolgreich sind oder internationale Erfolge vorweisen können. Das heißt: Medaillen an Weltmeisterschaften. Jetzt in der Corona-Pandemie ist mir wieder besonders aufgefallen, dass nicht-olympische Sportarten gerne mal vergessen werden. Ich kenne keinen objektiven Grund, weshalb nicht-olympische Sportarten auf Corona bezogen gefährdeter oder gefährdender als olympische bzw. paralympische Sportarten sind. Ein anderes Beispiel ist, dass vor einigen Monaten groß publiziert wurde, dass eine Altersvorsorge für Spitzensportler gestartet ist. Allerdings wurde nicht veröffentlicht, dass nicht-olympische Sportarten dabei leer ausgehen.

Zudem bekommen wir kaum Förderung, da wir als nicht-olympische Sportart in einem olympischen Verband als eine extra Nummer zu sehen sind. Die Folge ist, dass ich für einen Weltcup nach Hongkong fliege, durch Europa herumfahre – aber alles auf eigene Kosten. Ich habe praktisch einen Startplatz für Deutschland, muss aber alles selbst zahlen.  

Welche Probleme bringt das mit sich? 
Wir befinden uns in einem Teufelskreis ohne Medienpräsenz keine großen Sponsoren und ohne große Sponsoren keine Lobby, ohne Lobby keine Medienpräsenz. Diesen Teufelskreis kann man nur brechen, wenn man aus einem der Punkte rauskommt. Hier gibt es aber einige Dinge, in denen die Politik die Regeln vorgibt.
Der nicht-olympische Kunstradsport ist dem Bund Deutscher Radfahrer (BDR) und damit einem olympischen Verband angesiedelt. Viele bekannte Sportler sind im Rennradsport unterwegs. Wir Kunstradsportler sind die nicht Bekannte sondern kleine Randsportart. Nun sollte man denken, als kleine Sportart in einem großen Verband geht es uns gut. Das stimmt nur teilweise. Es geht uns insoweit gut, als dass wir eine klare Struktur für Kader haben, nach der alles abläuft. Das ist top. Es hat aber den Nachteil, dass wir damit in die Kategorie fallen „nicht-olympische Sportart in einem olympischen Verband“. Vor einigen Monaten hat man in der Politik erkannt, dass auch der nicht-olympische Sport gefördert werden muss. Aber mit der Regelung zur Unterstützung der nicht-olympischen Sportarten sind ausschließlich nicht-olympische Sportarten in nicht-olympischen Verbänden gemeint. Das heißt: die olympische Förderung betrifft den BDR (Bund deutscher Radfahrer), die nicht-olympische Förderung betrifft die nicht-olympischen Verbände. Wir als nicht-olympische Sportart im BDR sind allerdings nicht berücksichtigt. Wir gehören weder zum einen noch zum anderen. So können wir zwar die großartige Struktur des BDR nutzen, aber was an Fördermöglichkeiten für den Kunstradsport eingesetzt werden kann ist sehr gering. Es ist also absolut zum Nachteil, dass wir eine nicht-olympische Sportart in einem olympischen Verband sind. 

Warum denkst du, dass nicht-olympische Sportarten genauso wie olympische Sportarten gefördert werden sollen?  
Ich denke, wenn es keinen objektiven Unterschied zwischen olympischen und nicht-olympischen Sportarten gibt, dann sollte es auch in der Förderung und in den Gesetzen keinen Unterschied geben. Wir sind nicht-olympisch. Wir sind damit gestraft genug, dass wir alle vier Jahre bei Olympia zuschauen müssen,  Was ist der objektive Grund, dass wir in den vier Jahren dazwischen auch schlechter gestellt werden sollten? Das ist eine Frage, die ich leider nicht beantworten kann. 

Was sollte sich ändern, damit du dich auf deinen Sport konzentrieren kannst? 
Ich bin Vollzeit im Arbeitsleben angekommen, 40 Stunden in der Woche. Jeden Abend gehe ich trainieren: Techniktraining, Ausdauertraining, Handstandtraining, Fitnesstraining. Alle Einheiten, die jeder normale Sportler machen muss, stehen bei mir auch auf dem Programm – aber eben erst nachmittags und abends dafür bis spät. Auch mein Tag hat nur 24-Stunden. Da bleibt nichts mehr übrig für Freizeit. Es muss sich ändern, dass ich nebenbei voll arbeiten muss. Das ist der Unterschied zwischen den Sportlern, die eine Sportförderstelle bei der Bundeswehr haben oder eine stärkere Sporthilfe-Förderung als die Basisförderung bekommen. Sie müssen sich neben der sportlichen Karriere auf eine Ausbildung oder ein Studium konzentrieren, um nach der Karriere in der neuen Karriere zu starten. Während der sportlichen Karriere sind sie jedoch finanziell mehr oder weniger versorgt und müssen nicht Vollzeit arbeiten. Ich merke es selber: Ein Studium ist mit einer Vollzeitstelle nicht vergleichbar. Das beeinflusst das Training negativ.   

Wie willst du dieses Ziel erreichen? 
Ein großer, entscheidender Punkt ist: Wie sind die Regelungen der Politik? Wird schon in der Politik, bei Gesetzgebungen zwischen olympischen und nicht-olympischen Sportarten entschieden, dann gibt es eigentlich kaum eine Möglichkeit, eine Gleichstellung zu erreichen 

Wenn du drei Wünsche freihättest – welche wären das?  
Ich wünsche mir eine gute Struktur des organisierten Sports in Deutschland – für ALLE Sportarten. Mein zweiter Wunsch ist, dass das Land auf die Erfolge seiner Spitzensportler stolz ist und die sportliche Karriere in der Gesellschaft eine höhere Anerkennung findet. Und mein dritter Wunsch ist, dass wir keine Ungleichbehandlung, keine Diskriminierung von sämtlichen Sportlerinnen und Sportlern haben. Für mich ist der Para-Sport ein Positivbeispiel. Der ist jetzt voll in der Gesellschaft angekommen. Und so wünsche ich mir das für alle anderen Sportarten auch.