Bäume pflanzen, aufmerksam machen, Klima schützen

Stefan Wagner ist Mitbegründer der Sports for Future Inititative und spricht mit uns darüber, warum der Sport ein Brennglas der Gesellschaft ist und gibt Tipps, wie Sportler*innen sich für den Klimawandel einsetzen können.

Hallo Stefan, stell dich doch einmal kurz vor und verrate uns deine Verbindung zur Sportwelt.

Ich bin Stefan Wagner. Ich arbeite schon jahrelang im Sport. Ich war beim T-Mobile Team Pressesprecher, dann acht Jahre beim HSV als Marketingleiter, dann später für den Bereich CSR (Corporate Social Responsability) und die HSV-Stiftung der Hamburger Weg verantwortlich. 2017 haben meine Frau und ich uns mit einem Büro für Nachhaltigkeitsstrategie und Kommunikation selbstständig gemacht.
Wir arbeiten weiterhin sehr nah am Sport. Beispielsweise haben wir für den DFB den Nachhaltigkeitsbericht gemacht, genauso wie für Bayer Leverkusen, haben Projekte für den VfL Osnabrück, den Leichtathletikverband und den Volleyballverband umgesetzt und sind insbesondere für die Unternehmensentwicklung der TSG Hoffenheim zuständig. Wir haben also ein buntgemischtes Sportportfolio.  

Du bist Mitinitiator der Initiative Sports for Future – wie kam es dazu?

Irgendwann haben wir uns die Frage gestellt: Wo steht der Sport im Klimaschutz? Unsere Erkenntnis war, dass der Sport noch längst nicht das ausgeschöpft hat, was er tun kann. Beim Betrachten der For Future-Initiativen haben wir festgestellt, dass es alles Mögliche gibt – nur nicht den Sport. Das kam uns so absurd vor, so dass es dann eigentlich auf der Hand lag, das zu initiieren. Heute sind wir etwas mehr als 250 Sportler*innen, Vereine und Verbände, die zusammen über 22 Millionen Sportlerinnen und Sportler repräsentieren.
Im Prinzip versuchen wir, die Stimme aus dem Sport zu sein, die für die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens steht. Außerdem wollen wir aber auch die Möglichkeiten des Sports auszunutzen, um mehr Menschen zu erreichen, die man sonst vielleicht nicht so erreicht.

Also ist die Initiative hauptsächlich durch Engagement aus der Fußball-Bundesliga entstanden?

Ja, da hat unser Netzwerk sofort gegriffen. Wir wollten schnell eine starke Aufstellung finden. Aber es war uns sehr wichtig, mit der Deutschen Sportjugend einen Akteur zu haben, der ganz explizit auch für andere Sportarten steht.

Und jetzt?

Es sind auch immer mehr Sportler*innen aus anderen Sportarten aktiv. Es ist uns auch wichtig, dass Sports for Future als eine breite Initiative wahrgenommen wird.

Foto: EW Fotografie | www.facebook.com/ewfotografie

Ihr habt zahlreiche Unterstützer*innen – Wie arbeitet ihr denn mit den Sportler* innen, mit den Vereinen, mit den Verbänden zusammen?

Das ist unterschiedlich. Wir haben einige dabei, die geben ihre Stimme, ihr Commitment ab – und nicht mehr und nicht weniger. Wir kommen eigentlich aus einer gefühlt unpolitischen Rolle im Sport. Aber das Thema Klimaschutz ist eben nicht nur ein politisches, sondern vor allem ein gesellschaftliches Thema, das uns alle betrifft. Der Klimawandel ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Jetzt habe ich aber die Frage verloren, die du gestellt hast.

Wie arbeitet ihr mit den Sportler*innen und Vereinen?

Einige wollen mehr tun.  Dafür haben wir ein Workbook erstellt, für nachhaltige Sportevents, das kostenlos zum Download zur Verfügung steht.. Das ist ein Handlungsleitfaden für alle, die selbst auch etwas tun wollen. Mit der Deutschen Sportjugend haben wir zusammen mit der Cologne Business School eine sehr umfangreiche Hotspot-Analyse durchgeführt. Dafür haben wir Veranstaltungen der Deutschen Sportjugend angeguckt und ganzheitlich geschaut, wie der Status Quo ist und wie man in Richtung Nachhaltigkeit stärker werden kann. Diese Herangehensweise wollen wir als Blaupause zur Verfügung stellen für Verbände und Vereine, die sich des Themas annehmen wollen. Diese Aktionen haben immer Multiplikator-Wirkung gegenüber den Menschen, die sich dort rund um die Vereine und Verbände tummeln. Manchmal sind die dann wiederum in Unternehmen in Entscheidungspositionen und können esdort adaptieren.


Leistungssport wird oft als Klimasünder beschrieben, weil er eben mit vielen Reisen verbunden ist, weil es eben diese Veranstaltungen gibt. Wie siehst du das?

Das kann man gar nicht negieren. Wir wollen den Sport bewusst auch dieser Kritik bzw. diesem Widerspruch aussetzen. In Hoffenheim haben wir das Thema Ökologie genau mit dieser Diskussion auf die Agenda gehoben. In der Sekunde, in der ich das mache, bin ich sofort angreifbar. Und der Reflex von außen ist: Na großartig, jetzt schreibt ihr euch das auf die Fahne und am nächsten Tag fliegt ihr ins Trainingslager nach Österreich oder zum Auswärtsspiel oder zu den Spielen nach Tokio.
Der Sport lebt von großen Sportveranstaltungen und davon, dass da viele Leute hinkommen. Aber die kommen halt auch häufig mit dem Auto. Also löse ich einen Widerspruch aus.  Aber dieser Widerspruch ist der Widerspruch unserer gesamten Gesellschaft. Und deswegen ist es gut, wenn wir das  aufzeigen. Und natürlich ist es für den Einzelnen dann unangenehm, wenn man ihn kritisiert. Trotzdem ist genau das die Diskussion, die wir führen müssen.
Hier wird der Sport zu einem Brennglas der gesellschaftlichen Entwicklung. Wir müssen uns diesen Themen stellen. Und manches geht dann vielleicht auch gar nicht mehr – und zwar nicht nur im Sport, sondern in der gesamten Gesellschaft. Ich denke jetzt beispielsweise an Kurzstreckenflüge. Dann fahren wir halt alle mit der Bahn ein bisschen länger. Der Wettkampfkalender muss sich dann daran anpassen.

Wenn wir auf den einzelnen Athleten, die einzelne Athletin schauen, was kann der oder diejenige dann tun, um die negativen Auswirkungen zumindest ein bisschen zu reduzieren?

Ich bin zu wenig in der Welt eines Spitzensportlers zu Hause, um zu sagen, wie man bestimmte Dinge optimieren kann. Aber es gibt Sportler*innen, die bei ihren Verbänden darauf hinwirken, dass sich was bewegt – zum Beispiel Nike Lorenz, die in der Hockey-Nationalmannschaft spielt. Die meinte, dass es vielleicht nicht so klug sei, nacheinander ein Auswärtsspiel in Australien und dann eins in Südamerika und dann wieder eins an einer anderen Stelle zu haben. Sie hat gefragt, ob man das nicht ein bisschen schlauer zusammenlegen könnte, sodass dann eben nicht ganz so viele Reisen nötig sind.
Außerdem kann man versuchen den Rest zu kompensieren. Die Hockey-Nationalmannschaft hat über eine Crowdfunding Aktion Geldeingenommen, um damit aufzuforsten, wohlwissend, dass das nicht die letzte Lösung sein kann. Aber es ist zumindest die zweitbeste.

Warum ist es so wichtig, dass Sportler*innen ihre Stimme nutzen?

Erstens erzielen sie eine viel größere, viel glaubwürdigere und viel persönlichere Aufmerksamkeit, als es viele andere können. Und zweitens kommen wir als Menschen, die im Sport agieren, durch eine andere Tür, als man es normalerweise tut, wenn man über Klimaschutz redet. Bei den Fridays for Future-Demos wird gesagt, dass sie lieber in die Schule gehen sollten. Wenn sich der Sport für den Klimaschutz stark macht, ist die Diskussion viel sachlicher. Deswegen wäre es klasse, wenn sich da viele Sportler*innen engagieren.

Was sind jetzt eure nächsten Ziele?

Wir haben die Kampagne Sports for Trees ins Leben gerufen, wo wir versuchen, durch den Sport ganz niedrigschwellig Menschen zu erreichen und diese motivieren auf positive Weise etwas zum Klimaschutz beizutragen: durch das Anpflanzen von Bäumen. Wir wissen, dass das Bäumepflanzen nicht die Lösung der Klimakrise ist, aber es leistet einen positiven Beitrag.
Die Idee ist – simpel gesprochen – zum Beispiel, dass man an der Kasse den Euro Wechselgeld in eine Baum-Spardose steckt und nicht ins Portemonnaie. Mit Corona funktioniert das momentan nicht. Deswegen planen wir, um optimal vorbereitet zu sein, wenn der Sport wieder mit Zuschauern starten darf. Wir versuchen, unsere Community auszubauen und uns zu vernetzen.

Ich bin Leistungssportler*in und lese jetzt dieses Interview und denke mir: Da würde ich irgendwie gerne etwas zu beitragen. Was könnte ich denn tun? Wie kann ich da am besten an euch herantreten?

Der einfachste und der direkteste Weg ist es, seine Stimme zu geben. Erst mal über die Unterstützung unserer Erklärung auf sportsforfuture.de. Darüber hinaus gibt es unendlich viele Möglichkeiten – bis hin zum Einsatz als Botschafter*in für Sports for Future und Sports for Trees. Wir haben Social Media Kits, die genutzt werden können und vieles mehr.

Wie stellst du dir persönlich die Zukunft des Sports vor?

Ich wünsche mir, dass der Sport im Bezug auf den Klimaschutz nicht denkt: Oh je. Jetzt muss ich hier auch noch was tun. Stattdessen sollte das Thema als Chance und als Möglichkeit gesehen werden, der Rolle, die wir in der Gesellschaft haben, gerecht zu werden. Ich wünsche mir, dass der Sport proaktiv ist und nach vorne geht – über das Maß, was vielleicht von ihm erwartet wird hinaus, also im besten Sinne wirklich ein Vorreiter ist. Ich glaube, dass das genau die Rolle ist, die der Sport einnehmen kann und sollte.

Julia Hollnagel
Referentin für Kommunikation und Marketing
j.hollnagel@athleten-deutschland.org
+49 15259762540