Rückblick auf unser 1. Digitales Athletenforum

Tokio 2020ne – Risiken und Nebenwirkungen

Informieren, Orientierung bieten, Austausch ermöglichen: Mit dieser Zielsetzung hatte Athleten Deutschland am vergangenen Samstag (13. Juni 2020) zum 1. Digitalen Athletenforum eingeladen.  Unter dem Motto „Tokio2020ne – Risiken und Nebenwirkungen“ trafen Athlet*innen aus allen Bereichen des Sports: olympisch, nichtolympisch und paralympisch auf die Top-Entscheider*innen der deutschen Sportwelt.  

„Ich fand die Veranstaltung super,“ sagte Mareike Miller, Rollstuhlbasketballnationalspielerin.  

 „Die Inhalte waren nicht nur informativ, sondern auch motivierend. Durch einen solchen Austausch behalten wir den Überblick in der aktuellen Lage. Das sorgt für ein gutes Gefühl. Die Möglichkeit, vorab und auch währenddessen, Fragen zu stellen, hat besonders für ein offenes Gespräch gesorgt.“

Auch Boxerin Nadine Apetz äußert sich positiv zum Fokus und zur Umsetzung des Athletenforums: “Das Problem “Spitzensport und Olympia während Corona” wurde mit verschiedenen Schwerpunkten beleuchtet und man konnte sich direkt mit den entsprechenden Experten austauschen. Deshalb fand ich das Athletenforum sehr informativ und hilfreich!” 

An unserem digitalen Tisch versammelten sich folgende Gäste: 

  • Dagmar Freitag (Vorsitzende des Sportausschusses) 
  • Dr. Bernd Wolfarth (Vorsitzender der medizinischen Kommission des DOSB) 
  • Alfons Hörmann (Präsident des DOSB) 
  • Thomas Berlemann (Vorstand der Stiftung Deutsche Sporthilfe) und Thomas Gutekunst (Vorstandsmitglied Athletenförderung).  

In vier Gesprächen betrachteten wir den Einfluss der Coronakrise auf den Spitzensport, insbesondere die Auswirkungen auf die Athlet*innen. Die Gäste analysierten die Lage aus ihren fachlichen Blickwinkeln, woraus für die Teilnehmer*innen ein differenziertes Bild entstand. Wir möchten uns an dieser Stelle erneut für die offenen und klugen Antworten der Gäste bedanken.  

Alle Mitglieder von Athleten Deutschland sowie alle Teilnehmer*innen des Athletenforums können sich die Veranstaltung in voller Länge ansehen. Wir versprechen, es lohnt sich. Den Link gibt es auf Anfrage unter anmeldung@athleten-deutschland.org.

Für alle anderen folgt an dieser Stelle eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Gesprächsinhalte und -erkenntnisse des Nachmittags. 

Vision: Mehr Frauen und Diversität in der Sportwelt 

Dagmar Freitag berichtet über ihren ganz persönlichen Bezug zum Sport, der sich wie ein roter Faden durch ihr Leben zieht: Vom Turnverein über ein Sportwissenschaftsstudium hin zum Amt der Vorsitzenden des Sportausschusses im Bundestag. Im Gespräch mit Athleten Deutschland Präsident Max Hartung ermöglicht die Politikerin den Athlet*innen aber auch Einblicke in den täglichen Kampf, dem man als Frau im „Haifischbecken Sport“ ausgesetzt ist. Sie rät: Den ersten Schritt selbst machen und sich nicht entmutigen lassen. „Man muss etwas wollen.“ Beispielhaft für diese Einstellung ist wohl der Kampf für ein schärferes Anti-Doping-Gesetz in Deutschland, den Dagmar Freitag nach 20 Jahren Arbeit gegen viele Widerstände 2015 gewonnen hat – ihr größter Erfolg, wie sie selbst resümiert.  

Ihre Vision für den deutschen Spitzensport ist eine diverse Sportwelt mit mehr Frauen und mehr Menschen mit Migrationshintergrund in Führungspositionen.   

Für das Pandemiejahr 2020 hat sich der Sportausschuss, so Freitag, vor allem ein Ziel gesetzt: Die soziale Sicherheit der Athlet*innen soll bestehen bleiben. Das bedeutet: Alle Gelder, die für 2020 bewilligt und angekündigt waren, werden auch so fließen. In den nächsten Diskussionen soll es darum gehen: Was können wir sonst noch tun? Wie können wir die Verbände unterstützen?  

Corona-Chronik: Risiko für Spitzensportler*innen gering 

Mit dem SARS-CoV-2-Virus und dessen Auswirkungen auf den Sport hat sich auch Dr. Bernd Wolfarth in den vergangenen Monaten vorrangig beschäftigt. Er führt die Athlet*innen durch eine „Chronik der Pandemie“ – vom Patient 0 in Deutschland bis zum Re-Start des Sportbetriebs. Bislang schätzt Wolfarth das Risiko für einen schweren Verlauf bei Spitzensportler*innen als sehr gering ein. Ergänzt aber: Jetzt eine Aussage über Langzeitschäden zu treffen, sei unseriös, da man das Virus erst seit einem halben Jahr kenne.  

Aber wie sieht es mit der Ausrichtung von Sportgroßveranstaltungen aus? Hier mahnt Wolfarth zur Geduld.  Die weitere Entwicklung der Pandemie sei schwer abzuschätzen. Von einem flächendeckenden Antikörpertest ohne Verdacht rät er aktuell ab. In Hinblick auf Tokio 2021 ist er positiv: „Ich glaube, dass es bis dahin einen Impfstoff geben wird und wir uns damit vernünftig auf die Olympischen Spiele vorbereiten können.“ 

Der Sport und die Krise:  Flexibilität bei Nominierungen  

Alfons Hörmann, Präsident des DOSB, berichtet von der Entscheidungsfindung zur Verschiebung der Olympischen Spiele und dem Versuch,  die Athlet*innen bestmöglich und transparent einzubinden. Vor allem aber konzentriert er sich in seinem Interview mit Athleten Deutschland Geschäftsführer Johannes Herber auf die aktuelle Situation der deutschen Sportwelt.  Hörmann zeichnet ein düsteres Bild der  Lage: Insbesondere durch den Wegfall von Veranstaltungen sei bei den Verbänden ein enormer Schaden zu erwarten. Als Referenz führt er den Ausfall des Reitturniers CHIO in Aachen an. Durch die Absage würden hier mehrere Millionen Euro fehlen. Dasselbe komme auch auf andere Veranstalter zu.
Er nutzte das Bild von derzeit vielen einzelnen Brandherden, die momentan noch gut gelöscht werden könnten, allerdings könne es zum Flächenbrand kommen, wenn Veranstaltungen und Wettkämpfe für das komplette Jahr ausfielen.  

Bei den Vereinen stelle es sich, so Hörmann, ähnlich dar: Vereine, in denen in den vergangenen Jahren mehr professionelle Strukturen geschaffen wurden, hätten es nun schwerer als solche, die ausschließlich auf dem Ehrenamt fußen würden. Wenn der Wettkampfsport nicht zeitnah wieder starten könne, bestünde die Gefahr, dass Sportdeutschland im nächsten Jahr nicht mehr wiederzuerkennen sei, erläutert Hörmann.   

Kaderstatus und Nominierungen für 2021: Empathie und Fingerspitzengefühl 

Nominierungsverfahren können  bei Athlet*innen für Unsicherheiten sorgen. Das gilt insbesondere für die jetzige Situation, in der Leistungsüberprüfungen  nicht stattfinden können. Wie gehen der DOSB und die Verbände damit um? Wie kann vermieden werden, dass altgediente Perspektivkaderathlet*innen mit aufstrebenden  Nachwuchsathlet*innen aufgrund der  Olympiaverschiebung in Konflikt geraten?  Auf diese Fragen  hat Hörmann  aufschlussreiche Antworten parat.  Gemeinsam mit dem Bundesinnenministerium habe man sich geeinigt, die Gesamtkadergröße von 4000 Athlet*innen im nächsten Jahr bei Bedarf  außer Kraft  zu setzen. „Horst Seehofer hat dem grundsätzlich zugestimmt und angeboten, dass wir uns sehr praxis – und  athletenbezogen  dem Thema nähern werden.“ So soll  ein  fairer Umgang mit den Nominierungen ermöglicht und ein potenzieller  „Athletenstau“ vermieden werden.  Auch bei den Verbänden wirbt der DOSB für ein flexibles Vorgehen beim Kaderstatus.  Alle  Nominierungen sollen vorerst ihre Gültigkeit behalten.  Hörmann riet insbesondere den  Athletenverter*innen, sich proaktiv  hinsichtlich der  Nominierungsverfahren  in ihren Verbänden einzubringen. Der DOSB selbst stehe außerdem  jederzeit zur Beratung und Vermittlung bei Grenzfällen bereit.   

Bereit für den Dialog um Athletenproteste 

In Hinblick auf die Diskussion um Meinungsäußerungen  bei Olympischen Spielen animiert Alfons Hörmann  die  Athlet*innen  offen und klar, die Werte, die den Sport ausmachen,  zu vertreten.  Man müsse „sehr differenziert an das Thema herangehen“ und unterscheiden zwischen dem Bekenntnis zu den grundsätzlichen Werten des Sports und allgemeinen politischen Äußerungen.  Hörmann begrüßt eine Diskussion über eine  mögliche und zeitgemäße Anpassung  der Regelwerke. Der DOSB sei offen für diese Debatte  und bereit, die  Vorstellungen der Athlet*innen  zu diesem Thema ergebnisoffen zu diskutieren.  

Sporthilfe-Förderung vorerst gesichert 

Der neue Vorstandsvorsitzende der Stiftung Deutsche Sporthilfe, Thomas Berlemann, berichtet von seinem virtuell geprägten Start. Die neue Aufgabe ist für den ehemaligen Wasserballspieler gewissermaßen ein „Return to the Roots“. Die Athletenunterstützung durch die Sporthilfe erachtet er trotz der Coronakrise als gesichert. Auch Thomas Gutekunst, Vorstand Athletenförderung, ist optimistisch, dass das Förderniveau gehalten werden kann. Die digitalisierten Angebote wie die „Elite Talks“, die „Zukunftsworkshops“ und Bewerbertraining seien gut angenommen worden. 

Was macht eigentlich die Athletenrente? 

Wie sieht es mit der Rente für Athlet*innen aus? „Noch ist sie nicht da und vor allem nicht bei den Athlet*innen angekommen“, erklärt Thomas Gutekunst. Sagt aber zu: Noch im Sommer wird es News geben, wie das Geld auf die Konten der Athlet*innen beziehungsweise in die Altersvorsorge der Athlet*innen kommt. 

Das Forum schließt mit einem Appell Thomas Berlemanns:  Um die Sporthilfe  voranzubringen und zu einer stärkeren Marke zu machen, sei auch der Einsatz der Athlet*innen gefragt. Berlemann bittet die Athlet*innen um die Bereitschaft Termine mit Partnern wahrzunehmen und gemeinsam für die Sporthilfe zu werben. 

Julia Hollnagel
Referentin für Kommunikation und Marketing