Menschenrechte, Pressemitteilung, Schutz

Nach mutmaßlich versuchter Entführung: Kristina Timanowskaja schützen und Konsequenzen prüfen 

Berlin, 2. August 2021. Athleten Deutschland zeigt sich entsetzt über die mutmaßlich versuchte Entführung der belarussischen Athletin Kristina Timanowskaja. Diese würde einen schockierenden Höhepunkt systematischer Athletenverfolgung durch das belarussische Regime darstellen. Seit der gefälschten Präsidentschaftswahl im Sommer letzten Jahres wurden zahlreiche oppositionelle Athlet*innen zur Zielscheibe des Regimes. Dutzende solcher Fälle wurden unter dem mutigen Einsatz von der belarussischen Athletenbewegung BSSF dokumentiert und angeprangert.  

Oberste Priorität müssen nun der Schutz und die Sicherheit von Kristina Timanowskaja haben. Ihr Fall muss eingehend untersucht werden. Auch mögliche Wiedergutmachungen für die entgangene Teilnahme am sportlichen Wettbewerb bei den Spielen sind zu prüfen. Wir danken der BSSF, dem IOC, den japanischen Behörden, dem UNHCR, Athletengruppen sowie der internationalen Staatengemeinschaft für ihr rasches Eingreifen und ihre angebotene Unterstützung. Athleten Deutschland steht in engem Austausch mit der BSSF und konnte bereits gestern anwaltliche Unterstützung vor Ort vermitteln. 

Gemeinsam mit seinem Sohn Wiktar ist und war der Diktator Aljaksandr Lukaschenka als Politiker und (ehemaliger) Sportfunktionär in Personalunion für die Repressalien gegen belarussische Sportler*innen verantwortlich. 

Maximilian Klein, Beauftragter für Internationale Sportpolitik, fordert daher die Prüfung weitreichender Konsequenzen: „Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, muss das IOC dringend weitere Sanktionen gegen Belarus prüfen. In diesem Fall kämen auch ein Ausschluss des belarussischen Regimes vom internationalen Sportsystem und eine Suspendierung des belarussischen Nationalen Olympischen Komitees in Frage. Belarussische Athletinnen und Athleten sollten dann weiterhin unter neutraler Flagge starten dürfen und entsprechend geschützt werden.“ 

Hintergrund zu Belarus: 
Das mutige Engagement der belarussischen Athletenbewegung und ihr Einsatz für Menschen- und Athletenrechte trug entscheidend dazu bei, dass das IOC Ende 2020 weitreichende Sanktionen gegen das belarussische Nationale Olympische Komitee veranlasste. Die BSSF konnte nach unseren Informationen bis zum heutigen Tage mehr als 70 Fälle von Repressalien gegen belarussische Athlet*innen dokumentieren, die teils psychische und physische Gewaltanwendung sowie Inhaftierungen umfassten.

Athleten Deutschland steht seit Herbst 2020 in engem Austausch mit der BSSF; hat mit offenen Briefen an das IOC und an die deutsche Politik auf die menschenrechtliche Verantwortung des Sports in der dortigen Lage und die Situation der belarussischen Athlet*innen aufmerksam gemacht. Vor dem Hintergrund der jüngsten Geschehnisse bekräftigt Athleten Deutschland erneut seine Unterstützung für die belarussische Athletenbewegung rund um die Belarusian Sport Solidarity Foundation (BSSF). Die Repressalien und Menschenrechtsverletzungen des Regimes machen auch vor dem Sport nicht halt. 

Hintergrund zur menschenrechtlichen Verantwortung des Sports:
Viele Belange des Sports haben eine menschenrechtliche Komponente und seine Regeln können mit universal geltenden Menschenrechten kollidieren. Dazu gehören extrem gelagerte Fälle, wie etwa die Repressalien gegen Athlet*innen in Belarus, die Verfolgung und Hinrichtung von iranischen Athlet*innen oder Menschenrechtsverletzungen von Personengruppen im Umfeld des Sports, wie sie am Beispiel der Arbeitsbedingungen beim Bau von Sportstätten für Sportgroßveranstaltungen deutlich wurden.

Die Protagonist*innen des Sports – die Athlet*innen selbst – sind ebenso als Gruppe zu verstehen, die mit menschenrechtlich problematischen Regelungen und Strukturen konfrontiert wird. Die Schwierigkeiten zur Etablierung unabhängiger Athletenvereinigungen, die Restriktionen der freien Meinungsäußerung auf dem Podium und im Wettbewerbsumfeld, die Ungleichbehandlung von weiblichen und männlichen Athlet*innen, Diskriminierung und Rassismus im Sport, die Einschränkungen der Selbstvermarktung während der Olympischen Spiele und die gravierenden Fälle von Gewalt und Machtmissbrauch gegenüber Athlet*innen sind nur einige Beispiele.

Athleten Deutschland setzt sich deshalb für eine stärkere Auseinandersetzung mit Menschenrechten im Sport ein. Gemeinsam mit einer Vielzahl von Sport- und Menschenrechtsorganisationen fordern wir, dass sich die Olympische Bewegung kohärent zur Achtung und Umsetzung der Menschenrechte in ihrem Wirkungskreis bekennt, eine umfassende Menschenrechtsstrategie umsetzt und einen proaktiven Umgang mit den Menschenrechtsrisiken im Wirkungsbereich des Sports findet. 

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