„Den Job nimmt man an, weil man sich ab und zu ganz gern die Boxhandschuhe anzieht!“

Interview mit Marc Schuh, dem ehemaligen Gesamtaktivensprecher des DBS

Marc Schuh hat sich vier Jahre als Gesamtaktivensprecher des Deutschen Behinderten Sportverbands für die Rechte der Athlet*innen stark gemacht. Im November gab er den Staffelstab an seine Nachfolgerin, Rollstuhlbasketballerin Mareike Miller weiter. Wir haben den ehemaligen Rollstuhlsprinter gefragt, was am Ende der bewegten Jahren bleibt.

Marc, stell dich doch mal kurz vor!

Mein Name ist Marc Schuh. Ich bin 31 Jahre alt. Ich bin mit einer Fehlbildung der Wirbelsäule auf die Welt gekommen. Dementsprechend war ich von Anfang an im Rollstuhl. Darüber bin ich dann auch in den paralympischen Sport gekommen. In Kindheit und Jugend habe ich Sport ausprobiert, um so gut mit dem Rollstuhl umgehen zu lernen. Mit 10 Jahren hatte ich dann die erste Begegnung mit der Paraleichtathletik und das hat mir richtig Spaß gemacht. Im Jugendbereich habe ich einmal alles abgeräumt, was es abzuräumen gab. Dann bin ich auf die professionelle, beziehungsweise semiprofessioneller Schiene gegangen. Das heißt, mein Haupteinkommen kam aus dem Sport. Das war damals echt ungewöhnlich – mittlerweile ist das glücklicherweise anders. Ich wurde Vize- Europameister und Weltmeister und war lange vorne mit dabei. 2017 habe ich dann meinen Abschied aus dem aktiven Sport genommen.

Warum?

Das war eine Kombination von Gründen. Ich hatte fast alles erreicht außer der paralympischen Medaille. Und dann war da noch meine Promotion…

Berichte doch mal ein bisschen von deiner Arbeit als Gesamtaktivensprecher …

Als Naturwissenschaftler habe ich die Eigenschaft, dass ich mir Prozesse anschaue und mich am Kopf kratze, wenn ich etwas nicht verstehe, es aber gern verstehen würde. In der Verbandsarbeit kann man keine Experimente durchführen, aber man kann Fragen an Leute stellen, die vielleicht eine Antwort haben.

Als ich zum Gesamtaktivensprecher gewählt wurde, mussten wir als erstes die Wahl nochmal online nachholen, weil vor Ort nicht genügend Vertreter*innen waren. Das hätten sieben Personen sein müssen von über 20 Sportarten… Das war schon traurig. Da habe ich sukzessive über die Jahre etwas aufgebaut. In diesem Jahr, wo die Veranstaltung online stattgefunden hat, waren 23 von 26 Sportarten da. Am Ende haben sie also verstanden, dass sie da teilnehmen müssen.

Lange Zeit gab es bei uns eher „nordkoreanische“ Wahlen, das heißt, es gab genauso viele Anwärter*innen wer Plätze zu vergeben waren. In diesem Jahr gab es zumindest zwei Bewerber*innen auf meine Position. Das fand ich sehr schön. Und auch innerhalb des DBS nimmt man uns mittlerweile mehr wahr.

Inwiefern?

Mittlerweile gibt es einen echten Konsultationsprozess. Das erste Mal gab es den als der DBS ein neues Förder-Konzept verabschiedet hat. Bevor es in die Umsetzung gegangen ist, haben sie es bei der Vollversammlung der Aktivenvertreter*innen vorgestellt und deren Rückmeldungen eingearbeitet. Wir haben uns darüber sehr gefreut, schließlich hat es sehr lange gedauert, bevor man die Athlet*innen mal fragte, bevor man das Zeug raushaut.

Was war für dich persönlich ein Höhepunkt in deiner Zeit als Gesamtaktivensprecher?

Als der DBS davon profitiert hat, dass er einen Physiker als Gesamtaktivensprecher hatte. Es ging darum, dass wir so etwas wie POTAS in klein entwickeln sollten, um das Budget auf die Sportarten zu verteilen. Ein Sachbearbeiter hat dafür ein mathematisches Modell entwickelt, bei dem die einzelnen Sportarten für gewisse Maßnahmen Punkte bekommen haben. Das war an sich ein sinnvolles Konzept. Das einzige Problem war, dass Schwimmen und Leichtathletik derartig viele Punkte abgeräumt hätten, dass sie so viel Budget akquiriert hätten, dass für die anderen nichts mehr übriggeblieben wäre. Dann wurde eine harte Maximalpunktzahl eingeführt – auch das war gar nicht mal das Problem. Allerdings hatten Leichtathletik und Schwimmen quasi sofort die maximale Punktzahl erreicht. Somit fehlte ihnen dann jede Motivation, weitere Punkte zu generieren, weil sie ja nicht noch mehr Geld bekommen konnten. Da meinte ich dann, dass das Konzept vielleicht doch noch Lücken hätte. Aber da war es schon komplett mit dem BMI eingetütet. Da habe ich gefragt, ob ich mal kurz einen Gegenvorschlag machen kann, wie man das mathematisch modellieren kann. Das ist glücklicherweise Teil meiner Ausbildung als Physiker. Rausgekommen ist dann eine  stetig differenzierbare Funktion ohne Maximalwert, die auf viel Gegenliebe gestoßen ist. So viel, dass der DBS dann nochmal zum BMI gegangen ist und das ganze Projekt nochmal aufgedröselt hat. Bis heute steckt glaube ich mein mathematisches Modell hinter der Budget-Vergabe im DBS.

Und gab es auch Tiefpunkte?

Eigentlich nicht – ich wollte das ganze nie hinschmeißen und bin auch nie in harte Interessenskonflikte gekommen. Trotzdem: Den Job nimmt man ja an, weil man sich doch ab und zu gerne die Boxhandschuhe anzieht und mal guckt, was dann passiert. Man muss sich danach nur immer wieder zusammensetzen können und versuchen, konstruktiv eine Lösung zu finden. Aber sich zwischenzeitlich mal ordentlich die Meinung zu sagen, finde ich eigentlich ganz erfrischend.

Warum hast du jetzt aufgehört?

Ich bin nach der Promotion direkt in die IT-Beratung gegangen. Mit meinem Lebenslauf bin ich da nicht allein. Also vielleicht sportlich schon aber ein Kollege von mir hat beispielsweise mit 25 mit Summa Cum Laude promoviert. Das ist da eine sehr angenehme Atmosphäre. Man ist nie der Schlauste im Raum. Ich habe den Ehrgeiz, das Wissen da möglichst intensiv aufzusaugen und bin zudem  auch schon ein paar Jahre aus dem aktiven Sport raus. Da merkt man dann, dass man gehen sollte. Und das habe ich dann auch gemacht. Ich glaube ich habe in meiner Amtszeit keinen allzu schlechten Job gemacht. Jetzt ist es Zeit, dass ich mich auf andere Aufgaben konzentriere.

Ich habe im letzten Jahr eigentlich schon die Übergabe eingeleitet an die designierte Nachfolgerin, die es dann auch geworden ist. Ich habe sie mehr mit eingebunden und habe mehr und mehr Arbeit an sie übergeben. Damit geht jetzt der Reibungsverlust bei der Übergabe gen null.

Warum ist die Vertretung von Athlet*innen durch einen Aktivensprecher so wichtig?

Das ist sehr simpel. Das Entscheidungsgremium im DBS hat niemals die vollständige Informationsbasis, um ihre Entscheidungen zu fällen. Ich gehe davon aus, dass die Leute, mit denen ich zusammengearbeitet habe, ihre Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen gefällt haben. Aber dieses Wissen können sie nicht durch Meditieren erreichen, sondern das muss man an sie herantragen. Und da hilft es halt, ab und zu einfach einen Aktivenvertreter dabei zu haben, der sagt, so, das ist ja schön und gut, aber die Realität sieht etwas anders aus.

Drei Tipps, die du deinen Nachfolger*innen auf den Weg geben würdest?

Nimm nichts persönlich., versuche die Intention der anderen zu verstehen. frage möglichst viel.

Was macht gute Aktivensprecher*innen/Athletensprecher*innen aus?

Verlässlichkeit, Motivation, Fairness, Weitsicht

Möchtest du noch etwas loswerden?

Ja. Ich habe kein Verständnis dafür, wenn man sagt, dass alles schlecht ist und dann die Chance nicht nutzt, es besser zu machen. Wenn man Kritik äußert und dann einer auf einen zukommt und anbietet, es besser zu machen, dann muss man auch mitziehen. Diejenigen, die dann auf ihrem Mecker-Posten bleiben und nicht mitdenken, verstehe ich nicht. Für mich steckt da eine Faulheit dahinter, mit der sich wahrscheinlich 80 Prozent der Probleme der Welt erklären lassen.

Julia Hollnagel
Referentin für Kommunikation und Marketing
j.hollnagel@athleten-deutschland.org
+49 15259762540