Work in Progress: Interview mit Rollstuhlbasketballerin Mareike Miller

Mareike Miller, Rollstuhlbasketballspielerin und Kapitänin der Nationalmannschaft, spricht mit uns über die aktuelle Situation im Rollstuhlbasketball und erklärt, wie die Organisationen mehr im Sinne der Athlet*innen handeln könnten.

Mareike, du bist Rollstuhlbasketballerin, erzähl doch kurz, wie du zu diesem Sport gekommen bist und was dich an ihm fasziniert!
Mareike: Mit sechs oder sieben Jahren habe ich mit dem Basketball angefangen, weil ich unbedingt machen wollte, was mein Bruder macht – damals halt laufend. Auf Grund mehrere Knieverletzungen musste ich mit dem Sport aufhören als ich etwa 17 Jahre alt war. Erstmal bedeutete das ein Jahr keinen Sport sondern Reha für mich.
Danach habe ich versucht, mich als Trainerin zu engagieren, habe aber selbst gemerkt, dass ich gerne Athletin sein würde. Durch meinen Sportlehrer habe ich vom Rollstuhlbasketball erfahren und eben auch, dass ich da klassifiziert werden könnte, um bis zur Nationalmannschaft spielen zu können.
Im Rahmen des Schulsportunterrichts konnte ich dann Rollstuhlbasketball ausprobieren. Es hat mir von Anfang an viel Spaß gemacht, weil es der Sport war, den ich schon immer gut fand – aber mit einer zusätzlichen Komponente: dem Rollstuhl als Sportgerät. Das hat mich dann so gereizt, dass ich nicht mehr aufgehört habe.

Wie oft trainierst du normalerweise?
Mareike: Grundsätzlich trainiere ich täglich. Fünfmal die Woche habe ich am Abend ein Mannschaftstraining und zusätzlich kann ich mir das Krafttraining flexibel legen. Während der Bundesliga-Saison haben wir am Wochenende zusätzlich noch ein Spiel und ansonsten Trainingslehrgänge.

Rollstuhlbasketball hatte in den vergangenen Wochen viel Aufmerksamkeit, weil das IPC die Klassifizierungskategorien im laufenden paralympischen Zyklus ändern will. Kannst du das kurz erklären?
Mareike: Letztendlich sind die Regeln schon länger da. Das IPC hat seit 2015 zehn Kategorien zur Klassifizierung, die in allen paralympischen Sportarten die Grundlage bieten sollten. Je nach Sportart kann dann entschieden werden, wer spielen kann und sollte. Da geht es vor allem darum, gleiche Voraussetzungen und eine faire Konkurrenz zu schaffen. Das IPC sagt, dass die Veröffentlichung von 2015 von der IWBF wohl nicht vollständig umgesetzt wurde. Laut IWBF hat das IPC das aber zu verschulden, da von dieser Seite nicht die nötigen Rückmeldungen für Veränderungen gekommen wären.
Jetzt erfolgt die Überprüfung aller Athlet*innen, die international starten. Dadurch fällt auf, dass der IWBF keine Unterlagen gespeichert hat und vor allem nicht zurückgegangen ist, um bereits aktive Athlet*innen zu überprüfen. Somit wurde bei Athlet*innen, die bereits länger dabei sind, keine Entscheidung getroffen. Hier geht es also um eine Anwendung der bestehenden Regel.

Was bedeutet das für euch Sportler*innen?
Mareike: Die Überprüfung sollte in den letzten drei Jahren stattgefunden haben – hat sie aber nicht. Und wir Athlet*innen sind bis heute noch nicht in der Lage zu sagen, woran es gelegen hat. Wir erfahren jetzt, dass eine entsprechende Überprüfung und Umsetzung von heut auf morgen stattfinden soll. Neun Athlet*innen haben mitgeteilt bekommen, dass sie nicht mehr an ihrem Sport teilnehmen dürfen und es kann gut sein, dass in der nächsten Phase weitere folgen. Das ist sehr schwierig im Sinne der Athletenbehandlung, weil die Athlet*innen von dem Sachstand nichts wussten, bis das IPC im Januar eine Pressemitteilung veröffentlicht hat. Die Sportler*innen sind die Leidtragenden. Besonders trifft das auf diejenigen zu, die in der Qualifikation noch dafür gesorgt haben, dass sich ihre Mannschaft qualifiziert. Jetzt dürfen sie im kommenden Sommer nicht antreten.
Wir können nachweisen, dass es nicht viel mehr gibt, was wir hätten tun können. Sowohl die nationalen Verbände als auch die Athlet*innen haben immer wieder nachgefragt, was los ist und ob sich vor Tokio etwas ändern könnte. Das wurde immer verneint oder abgetan.

Könnt ihr jetzt etwas gegen die Entscheidung tun?
Mareike: Ich weiß seit letztem November davon und bin seitdem sehr aktiv. Ich konnte allerdings nichts validieren, bis die Pressemitteilung des IPCs im Januar herauskam. Gemeinsam mit den Athletensprecher*innen für Tokio habe ich mehrere Schreiben aufgesetzt, um IWBF und IPC darum zu bitten, eine Athletenvertretung im Rollstuhlbasketball zu gründen, die es bislang noch nicht gibt. Das wurde aber nicht angenommen. Somit wurde uns im gesamten Prozedere nicht ermöglicht, direkt und professionell mit den Verbänden in Kontakt zu kommen. Insofern können wir jetzt nur noch versuchen, dass die geplante Timeline nicht angewendet wird, und das die einzelnen Athlet*innen in Tokio antreten dürfen. Es wäre auch eine Wettbewerbsverzerrung, wenn man jetzt die Teams ändern würde. Das IPC sollte sich nochmal Gedanken darüber machen, ob es wirklich die Athlet*innen darunter leiden lassen will, dass die IWBF einen Antrag nicht richtig gestellt hat.
Ich bin der Meinung: Es muss einen Übergangszeitraum geben, in dem einige Athlet*innen zwar wissen, dass sie in Zukunft ausgeschlossen sein werden, aber eben den aktuellen Zyklus mit Tokio abschließen können. Das ist unsere Hauptforderung, die wir publik machen, um Druck aufzubauen. Es gibt dafür auch Rückhalt aus anderen Sportarten. Wir wollen uns an die Regeln halten, verlangen aber auch die Fairness, dass wir Athlet*innen nicht darunter leiden. Das Schicksal einzelner Athlet*innen spielt hier eine Rolle. Für einige ist auch das Finanzielle an den Sport gekoppelt.

Werdet ihr mit euren Forderungen gehört?
Mareike: Ich bin mir sicher, dass wir gehört werden, habe aber nicht das Gefühl, dass es angenommen wird. Ich hatte einige Gespräche, in denen auch klar gegen unsere Forderungen Stellung bezogen wurde, und zwar mit der Begründung, dass das nicht die Aufgabe des IPC wäre und sie nichts tun könnten.

Konnte Athleten Deutschland dich unterstützen?
Mareike: Ich war mit Athleten Deutschland im Austausch und ich bin sehr froh, dass es Athleten Deutschland gibt, weil ich so auch die Beratung in Anspruch nehmen konnte und mit euch allen mal drüber sprechen konnte.
Ich habe unterschiedliche Schreiben fertig gemacht, am Anfang eine Petition gestartet, um den Rückhalt der Athlet*innen zu dokumentieren – das sind alles Sachen, mit denen ich mich nicht täglich auseinandersetze und so konnte ich mir da den ein oder anderen Rat abholen. Außerdem habe ich die Rechtsberatung des Legal Council genutzt.

Wie geht es jetzt weiter?
Mareike:  Ich hoffe, dass IWBF und nationale Verbände gemeinsam mit den Sportler*innen die Übergangsperiode noch einmal konkret fordern und insbesondere die IWBF einen korrekten Antrag dazu noch einmal einreicht. Zudem sollte es eine Aufklärung der Situation und die Einführung einer Athletenkommission geben. Bisher ist insbesondere letzteres nur als zur Abstimmung 2022 stehend benannt worden, das ist wirklich lang hin angesichts der vielen aktuellen Problematiken.

Wie sieht deine Vision für das Sportsystem deiner Wünsche aus?
Mareike: Ich finde es grundsätzlich nicht schlecht mit dem zu arbeiten was da ist und denke mir etwas auf ganz neue Beine zu stellen ist auch nicht unbedingt immer zielführend. Das Zusammenspiel der Verbände und das Grundkonstrukt funktioniert.
Es wäre schön, wenn die Athlet*innen mehr am Tisch sitzen bei den Gesprächen. Ich würde mir außerdem mehr Transparenz wünschen, was die Verantwortlichkeiten. Im aktuellen Fall ist eins der Hauptprobleme, dass die Athlet*innen nicht wissen, an wen sie sich mit ihren Problemen wenden sollen.

Fotocredit: Steffi Wunderl

Julia Hollnagel
Referentin für Kommunikation und Marketing
j.hollnagel@athleten-deutschland.org
+49 15259762540